Man ist das langweilig!

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In: Techniken

Wie man Texte besser n i c h t schreiben sollte.

Immer wieder ärgere ich mich bei den von mir einzusprechenden Texten über schlechte Sprache, Struktur und Aufbau. Sowohl Übersetzungen in Hörbücher-Skripten, als auch Doku-Formaten fehlt es manchmal an sprachlichem Feingefühl.

Meist redigiere ich diese Stellen dann ganz selbstverständlich – meist in Absprache mit dem Verlag und für den Abhörer bereits markiert, damit er es nicht als „falsch eingelesen“ zurückgibt. Das geht bei Hörbuchmanuskripten während der Vorbereitung gut.

Bei Voice-Over-Formaten pflege ich sinnhafte Korrekturen auch mal „on the flight“, also während der Aufnahme ein. Das macht Spaß und ist meist sehr zielführend, denn ich bin in der Materie und weiß, was auch zeitlich auf eine englische Phrase passt.

Wenn ein Synchron-Dialogbuch in mieser Qualität im Studio landet, bin ich auch mal richtiggehend entsetzt. Da hat der Autor offenbar lediglich die Rohübersetzung der Conti stehengelassen oder er hat sich die Originalfassung von Google quasi Wort für Wort übersetzen lassen. Oder es wurde schlicht und ergreifend der eigene Denkprozess nicht in Gang gesetzt, um ein gutes Buch abzuliefern. Von Sprachgefühlt und sprachlichen Feinheiten ganz zu schweigen.

Es gibt hierzu im Netz ein paar wunderbare, teils humorige Texte, um das Schreibhandwerk zu erlernen oder zu verbessern.

Peter Panter, auch und manchem besser bekannt als Kurt Tucholsky (1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg)

aus: Vossische Zeitung, 16.11.1930, Nr. 542, wieder in: „Lerne Lachen“.

https://das-blaettchen.de/2016/11/ratschlaege-37820.html

Ratschläge für einen schlechten Redner

Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so:

»Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ... «

Hier hast du schon so ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht: eine steife Anrede; der Anfang vor dem Anfang; die Ankündigung, daß und was du zu sprechen beabsichtigst, und das Wörtchen kurz. So gewinnst du im Nu die Herzen und die Ohren der Zuhörer.

Denn das hat der Zuhörer gern: daß er deine Rede wie ein schweres Schulpensum aufbekommt; daß du mit dem drohst, was du sagen wirst, sagst und schon gesagt hast. Immer schön umständlich!

Sprich nicht frei – das macht einen so unruhigen Eindruck.

Am besten ist es: du liest deine Rede ab. Das ist sicher, zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel Satz mißtrauisch hochblickt, ob auch noch alle da sind.

Wenn du gar nicht hören kannst, was man dir so freundlich rät, und du willst durchaus und durchum frei sprechen ... du Laie! Du lächerlicher Cicero! Nimm dir doch ein Beispiel an unsern professionellen Rednern, an den Reichstagsabgeordneten – hast du die schon mal frei sprechen hören? Die schreiben sich sicherlich zu Hause auf, wann sie »Hört! hört!« rufen ... ja, also wenn du denn frei sprechen mußt:

Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß, wie du schreibst.

Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so daß der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet ... nun, ich habe dir eben ein Beispiel gegeben. So mußt du sprechen.

Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch – das tun alle Brillenmenschen. Ich habe einmal in der Sorbonne einen chinesischen Studenten sprechen hören, der sprach glatt und gut französisch, aber er begann zu allgemeiner Freude so: »Lassen Sie mich Ihnen in aller Kürze die Entwicklungsgeschichte meiner chinesischen Heimat seit dem Jahre 2000 vor Christi Geburt ... « Er blickte ganz erstaunt auf, weil die Leute so lachten.

So mußt du das auch machen. Du hast ganz recht: man versteht es ja sonst nicht, wer kann denn das alles verstehen, ohne die geschichtlichen Hintergründe ... sehr richtig! Die Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um lebendiges Leben zu hören, sondern das, was sie auch in den Büchern nachschlagen können ... sehr richtig! Immer gib ihm Historie, immer gib ihm.

Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen – das sind Kinkerlitzchen. Sprich unbekümmert um die Wirkung, um die Leute, um die Luft im Saale; immer sprich, mein Guter. Gott wird es dir lohnen.

Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: »Die Steuern sind zu hoch.« Das ist zu einfach. Sag: »Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, dass mir die Steuern bei weitem ... « So heißt das.

Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor – man sieht das gern.

Wenn du einen Witz machst, lach vorher, damit man weiß, wo die Pointe ist.

Eine Rede ist, wie könnte es anders sein, ein Monolog. Weil doch nur einer spricht. Du brauchst auch nach vierzehn Jahren öffentlicher Rednerei noch nicht zu wissen, daß eine Rede nicht nur ein Dialog, sondern ein Orchesterstück ist: eine stumme Masse spricht nämlich ununterbrochen mit. Und das mußt du hören. Nein, das brauchst du nicht zu hören. Sprich nur, lies nur, donnere nur, geschichtele nur.

Zu dem, was ich soeben über die Technik der Rede gesagt habe, möchte ich noch kurz bemerken, daß viel Statistik eine Rede immer sehr hebt. Das beruhigt ungemein, und da jeder imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten, so macht das viel Spaß.

Kündige den Schluß deiner Rede lange vorher an, damit die Hörer vor Freude nicht einen Schlaganfall bekommen, (Paul Lindau hat einmal einen dieser gefürchteten Hochzeitstoaste so angefangen: »Ich komme zum Schluß.«) Kündige den Schluß an, und dann beginne deine Rede von vorn und rede noch eine halbe Stunde. Dies kann man mehrere Male wiederholen.

Du mußt dir nicht nur eine Disposition machen, du mußt sie den Leuten auch vortragen – das würzt die Rede.

Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es gar nicht erst anzufangen.

Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören – das ist deine Gelegenheit! Mißbrauche sie.

 

Ratschläge für einen guten Redner

Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze.

Klare Disposition im Kopf – möglichst wenig auf dem Papier.

Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu Hause.

Der Ton einer einzelnen Sprechstimme ermüdet; sprich nie länger als vierzig Minuten. Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist eine unbarmherzige Sache – da steht der Mensch nackter als im Sonnenbad.

Merk Otto Brahms Spruch: Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 16.11.1930, Nr. 542, auch zu finden in: „Lerne Lachen, ohne zu weinen“, 1931.

(Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke Bd. III, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1960, S. 600)

 

Ebenda und empfehlenswert:

„Ratschläge für einen guten Redner“, Kurt Tucholsky, 1936

Schöne weitere Quellen seien hier genannt, damit einiges Wissen im eigenen Hirn landet, von wo aus es abrufbar sein möge und rekapituliert werden kann. ;-)

Hans Reimann: „Vergnügliches Handbuch der deutschen Sprache“, 1931

Frank L. Visco: „The first set of rules“, Writer´s digest, 1986

Außerdem gibt´s einen tollen Blog von Thies Thiessen: „Die Macht der Worte. Wie man gut schreibt.“

http://dermachtdieworte.blogspot.com/2013/03/wie-man-gut-schreibt.html?m=1

 

Daraus hier die ersten 14. Punkte:

1. Alliterationen auslassen. Allezeit.

2. Fuck Anglizismen!

3. Denk Dir keine Sätze, die das Prädikat zerteilen, aus.

4. Achte auf korekte Orthographie, und Interpunktion

5. Meide das Klischee wie der Teufel das Weihwasser. Es ist ein alter Hut.

6. Vergleiche sind schlimmer als Klischees.

7. Am schlimmsten sind Superlative.

 

Achtens: Halte Aufbau und Stil durch.

 

9. Sei mehr oder weniger spezifisch.

10. Kein Mensch mag allgemeine Behauptungen.

11. Sei nicht redundant, benutze nicht mehr Wörter als nötig. Das ist nämlich total absolut überflüssig.

12.? Oder: ab hier verrutscht die Aufzählung

13. Wer braucht rhetorische Fragen?

14. Übertreibung ist eine Million mal schlimmer als Untertreibung.

15. Aufzählungen mit mehr als 10 Punkten werden unübersichtlich.

 

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